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Workshop: Kollaborative Formen im Journalismus

Wie können kollaborative Systeme dazu beitragen, die Existenz von Journalisten und von Qualitätsjournalismus zu sichern? Anhand der beiden Online-Plattformen Storyhunter und Hostwriter machten sich Mitarbeiter der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) am 22. Juni 2015 bei einem Workshop in Köln ein Bild von neuen Kooperationsmodellen, die das Ziel haben, Journalisten bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Prof. Dr. Stephan Weichert, Ulrike Langer, Tabea Grzeszyk und Jaron Gilinsky (v.l.n.r.)

Jaron Gilinsky, Gründer und Geschäftsführer des jungen US-amerikanischen Start-ups Storyhunter, berichtete zum Auftakt der Veranstaltung darüber, wie sein junges Unternehmen versucht, freie Journalisten und Medienunternehmen zusammenzubringen. Die Idee sei entstanden, als er selbst als Videojournalist im Ausland unterwegs gewesen sei und nach Kontakten und Abnehmern für seine Geschichten gesucht habe. 2012 gründete Gilinsky dann gemeinsam mit anderen Journalisten, Filmemachern und Online-Experten das Projekt Storyhunter. Journalisten können sich auf der Internetseite storyhunter.tv anmelden und Berichte, O-Töne oder Videos anbieten. Über diese Plattformen seien inzwischen mehr als 7.000 Journalisten aus 162 Ländern mit Medienunternehmen vernetzt, erläuterte Gilinsky. Firmen könnten so gemäß der Formel „matching with the right talent“ für ihre jeweiligen Projekte die am besten geeigneten Journalisten ausfindig machen. So lassen sich Zeit und Geld sparen. Die Journalisten wiederum würden Kontakte zu Auftraggebern erhalten. Finanziert werde der Service ausschließlich von den Publishern. Sie müssten für die Vermittlung eine Art Provision zahlen, die jeweils vom Auftragsvolumen abhänge und in der Regel etwa 15 Prozent dieser Summe ausmache.

Storyhunter hat sich zu einer Vermittlungsplattform entwickelt, die außer einem digitalen Search Tool und einem Abrechnungssystem auch die technische Abwicklung der Zusammenarbeit bietet, wenn etwa ein Video-Journalist als Korrespondent einen Beitrag für eine Website im Ausland erstellt. Das junge Unternehmen beschäftigt etwa 15 Mitarbeiter und garantiert, dass Journalisten ihre Honorare spätestens zehn Tage nach Ablieferung ihrer Arbeit erhalten. Die Anschubfinanzierung stamme von privaten Investoren, berichtete Gilinsky. Venture Capital, wie es bei Accelerator- oder Inkubator-Modellen gewonnen werden könne, lasse sich für journalistische Projekte nur schwer akquirieren, urteilte der Firmengründer. Strategische Investoren seien deshalb – auch in Deutschland – höchst willkommen.

Prof. Dr. Stephan Weichert, der Journalismus und Kommunikationswissenschaft an der Macromedia Hochschule lehrt und den Workshop gemeinsam mit der Medien-Fachjournalistin Ulrike Langer moderierte, bezeichnete Storyhunter als „eins der vielversprechendsten Start-Ups“. Das System könne auch in Deutschland vielen Freelancern helfen, stimmte Langer zu und konstatierte, in der Bundesrepublik fehle es an Starthilfen für neue Modelle und Plattformen des (digitalen) Journalismus.

Wie schwierig es ist, für Journalisten hilfreiche Online-Plattformen zu finanzieren, schilderte auch Tabea Grzeszyk. Sie gründete vor einem Jahr gemeinsam mit Sandra Zistl und Tamara Anthony die Internetplattform Hostwriter. Dort können sich Journalisten mit einem Online-Profil registrieren und anderen Kollegen unterschiedliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Unterstützung offerieren. So lassen sich etwa Recherche-Ergebnisse oder Hintergrundinfos austauschen, aber auch Tipps für Visa-Angelegenheiten oder Einreisebestimmungen. Sogar Übernachtungsmöglichkeiten lassen sich organisieren, notfalls auf der Couch von Kollegen. Grzeszyk berichtete, Journalisten könnten per Hostwriter auch verabreden, sich beispielsweise ein Taxi oder einen Übersetzer zu teilen. Während Journalisten früher oft versucht hätten, Rechercheergebnisse zu schützen, laute das Motto in der digitalen Welt immer häufiger „Kooperation statt Konkurrenz“. Der kategorische Imperativ, mit dem Hostwriter wirbt, heißt entsprechend pointiert: „Find a story, find a collegue, find a couch.“

Die Plattform hostwriter.org hat inzwischen mehr als 1.100 Mitglieder, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Grzeszyk sprach von einem „Non-Profit-Projekt“, das dazu beitragen solle, dass der Journalismus nicht deprofessionalisiert werde. Ziel sei es, das Match-Making zu optimieren, also in einem Peer-to-Peer-Network Partner zu vermitteln, die einander optimal helfen könnten. Dies geschehe über alle Grenzen hinweg. Finanziert wird Hostwriter vor allem über Stiftungsgelder. Von der Idee bis zum Start habe es vier Jahre gedauert, sagte Grzeszyk. Erst eine Unterstützung durch das Vocer Innovation Medialab habe als Initialzündung für die finanzielle Hilfe und Unterstützung durch weitere Institutionen geführt. Zwar könne sich Hostwriter inzwischen eine festangestellte Mitarbeiterin leisten, doch sei es nicht leicht, ein solches Projekt allein durch Fördergelder von Stiftungen zu finanzieren. Damit sei ein großer bürokratischer Aufwand verbunden, der lediglich die Finanzierung für einen begrenzten Zeitraum sichere.

Im Laufe der Diskussion mit Vertretern der LfM stellten sich Möglichkeiten und Grenzen der sogenannten collaborative networks heraus. Während die Vernetzung einerseits etwa Korrespondenten und Medienunternehmen bei ihrer Arbeit in einer globalisierten Welt hilft, so stellte sich auf Nachfrage von LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier heraus, ist die Anwendbarkeit auf lokale oder regionale Medienmärkte äußerst begrenzt. Medienwissenschaftler Stephan Weichert unterstrich dennoch den Wert der neuen Plattformen für Innovationsanreize und die Selbstvermarktung von Journalisten. „Wir verursachen nicht die Krise, sondern die Krise ist schon da“, reagierte Ulrike Langer auf Bedenken, der sogenannte Entrepreneurial Journalism könne dazu beitragen, noch mehr feste Arbeitsplätze in der Medienbranche abzubauen.

Der Workshop erfolgte in Kooperation mit Vocer.

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