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„Man bekommt unsere Inhalte mit der Musik, die man liebt.“

Mit der FFH-Plus-Technologie können Radiosender Webstreams mit gleichen Inhalten und verschiedenen Musikfarben erstellen. Nun ist sie als Cloudservice verfügbar. Roger Hofmann, Leiter Digital bei Radio/ Tele FFH, hat die Technologie gemeinsam mit Radio NRW weiterentwickelt und sieht darin großes Potential für alle Sender.

Herr Hofmann, was war der Anlass, die FFH-Plus-Technologie weiterzuentwickeln?

Roger Hofmann: Nach dem Start unserer FFH-Pluskanäle haben uns sofort viele Sender kontaktiert. Sie wollten die Technologie in Lizenz nutzen und ebenfalls Webstreams mit unterschiedlichen Musikfarben starten. Zu diesem Zeitpunkt war die Technologie allerdings fest in unser Sendesystem integriert. Uns war schnell klar, dass wir das Projekt noch einmal als Cloudservice programmieren müssen, damit es andere übernehmen können.

Warum waren so viele Sender interessiert?

So unterschiedlich die Sender sind, eines haben sie gemeinsam: Der Simulcast, das über UKW und DAB ausgestrahlte Programm, ist für die Hörerbindung zentral. Sie funktioniert für eine breite Zielgruppe gut über die regionalen redaktionellen Inhalte. Schwieriger ist es beim Musikangebot. Viele Sender sprechen eine Zielgruppe zwischen 20 und 49 oder älter an, die Musikgeschmäcker sind da sehr unterschiedlich. Mit unserer Technologie, dem Radio Creator, lässt sich das Problem einfach lösen: Sender können ihre Inhalte und Services parallel auf verschiedenen Kanälen mit personalisierter Musikfarbe anbieten. Dazu werden einzelne Musiktitel in den Sendestunden ausgetauscht. Bei Radio FFH machen diese Pluskanäle mittlerweile zehn Prozent vom Simulcast aus, das ist schon erheblich.

Wo finden Hörer*innen ihren Kanal mit ihrem Musikgeschmack?

Eine unserer Maßgaben bei der Entwicklung war, dass die Kanäle auf allen Endgeräten verfügbar sein müssen – über die App, über Smartspeaker, DAB-Kombigeräte, Sound-Anlagen und im Auto. Die Nutzerinnen und Nutzer können in der Liste der Webradios auswählen, welchen Kanal sie hören wollen. Auf unserer Webseite sind die Kanäle nebeneinander angeordnet, man sieht parallel, welcher Titel gerade gespielt wird. Auf diese Weise bekommt man beides, die Musik, die man am liebsten hört, plus unsere Inhalte.

Damit haben sich Claims wie „Das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern“ wohl auch erledigt.

Ich denke schon. Diese Claims zeigen ja den Spagat, den die Musikredaktionen bisher leisten mussten, um ein breites Publikum anzusprechen. Radiosender sind auf eine möglichst hohe Reichweite angewiesen, um sich finanzieren zu können. Aber ein durchhörbares Musikprogramm für alle Altersgruppen anzubieten, ist sehr schwierig. Die Aufteilung in verschiedene Kanäle funktioniert übrigens auch zu bestimmten Anlässen sehr gut, zum Beispiel zur Weihnachtszeit. Da gibt es ein breites Spektrum an Befindlichkeiten: Einige wollen bis zum 23. Dezember nichts von Weihnachten hören, andere stimmen sich gerne ein und wieder andere können nicht genug von Weihnachtsliedern bekommen. Unsere Pluskanäle bieten für alle ein passendes saisonales Musikprogramm.

Sender können also auch kurzfristig Kanäle für bestimmte Anlässe starten?

Ja, das ist der große Mehrwert. Bisher war das die Stärke von großen Plattformen wie Spotify, wo es für jeden Anlass eine Playlist gibt. Im linearen Radio war das nicht möglich, man musste auf Sparten-Kanäle ausweichen. Dort fehlt aber dieses Gemeinschaftsgefühl, das Radio ausmacht: Bei uns schaffen Moderatoren persönliche Bindungen. Das kann Spotify nicht. Wenn wir die Musik personalisieren, erhält das Medium Radio einen neuen Schub. Wir hoffen, dass wir mit unserem Projekt andere inspirieren, und viele weitere Ideen für das Radio der Zukunft entstehen.

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Projekts?

Das Sammeln und die Aufbereitung der Daten hat am meisten Arbeit verursacht. Wir mussten eine Schnittstelle entwickeln, die für unterschiedliche Informationen eine einheitliche Datenstruktur schafft, damit unser Replacer funktioniert. Radiosender arbeiten mit sehr verschiedenen Sendesystemen und Methodiken, um Musiktitel und Metadaten zu benennen. Diese Informationen müssen alle einheitlich in unser System überspielt werden. Daher haben wir Schnittstellen geschaffen, die andere Systeme bei uns anbinden.

Läuft die Musikplanung auf den Plus-Kanälen auch automatisiert?

Unser System leistet zwei Dinge: Es prüft zum einen, an welchen Stellen es technisch möglich ist, Musiktitel zu ersetzen. Zum anderen checkt es, wo es inhaltlich sinnvoll ist. Auch die Musikplanung bei den Pluskanälen ist nach gewissen Vorgaben aufgestellt: die Häufigkeit von Titeln, die Anzahl männlicher und weiblicher Interpreten, bestimmte Uhrzeiten für bestimmte Titel etc. Dieses Regelwerk kann die Musikredaktion in unserem System frei konfigurieren. Zusätzlich liefert sie einen Pool von Musiktiteln, auf die die Regeln angewendet werden sollen. Unser System weiß dann, was gespielt werden soll.

Das heißt, das System ist für die einzelnen Stationen individualisierbar?

Ja, absolut. Man kann über den Browser auch Jingles, Dropper und Verpackungselemente hochladen, die man ebenfalls mit Metadaten versehen kann. Es ist sogar möglich, Moderationen und Musikbetten hochzuladen, so dass in eine vorproduzierte Moderation nachträglich ein anderes Musikbett eingebaut werden kann. Das System ist extrem flexibel im Zusammenstellen des Ersatzmixes.

Welche Sender arbeiten bereits damit?

Verschiedene Sender befinden sich im Testbetrieb. Besonders intensiv arbeiten wir mit unserem Kooperationspartner Radio NRW zusammen. Jeder Sender, der sich beteiligt, hilft uns dabei, das System flexibler zu gestalten. Dadurch können wir es immer wieder an neue Sendepläne anpassen. In dieser Woche startet der erste Sender außerhalb unserer Sendergruppe mit dem Live-Betrieb: Antenne Vorarlberg aus Österreich nutzt den Radio Creator für die neuen Programme „Antenne Vorarlberg plus neue Hits“ und „Antenne Vorarlberg plus 80er90er“. Auch unsere Website radio-creator.com ist nun online. Hier wird das System ausführlich erläutert und interessierte Radiosender können sich für einen Testbetrieb anmelden.

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