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Große Risiken und geringe Rendite beim Start: Journalistische Startups können öffentliche Förderung brauchen

Wer finanziert Innovationen im digitalen Journalismus? Junior-Professor Dr. Christopher Buschow brachte beim Cashcamp das gesamte Spektrum der Antworten. Grundlage seines Vortrags war das Gutachten zur Innnovationslandschaft des Journalismus in Deutschland, das Buschow mit seinem Kollegen Prof. Dr. Christian-Mathias Wellbruck im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW erstellt hatte.

Innovationslandschaft
Gute Ideen sind gefragt – und brauchen gerade zu Beginn finanzielle Förderung (Foto: jdiegoph / unsplash.com).

Für Startups, Einzelkämpfer oder andere journalistische Konzepte ohne finanziell-organisatorischen Rückhalt stand am Ende die Botschaft: Die größten Chancen für finanzielle Unterstützung solcher Projekte bieten öffentliche Investitionsprogramme und Crowdfunding. Während für Macher und Macherinnen neuer Projekte journalistische Konzepte und deren Attraktivität für das angestrebte Publikum im Mittelpunkt stehen, konstatierte Christopher Buschow zu Beginn seines Vortrags nüchtern, dass vor allem die Finanzierung solcher Innovationen nach wie vor ein Problem ist.

Das gelte das sowohl für die Kosten des Aufbaus eines Angebots mit entsprechenden Strukturen wie für den laufenden Betrieb. Auf den meisten Finanzierungswegen werde man mit unterschiedlichen Stolpersteinen konfrontiert, deshalb sei aus Sicht der Wissenschaftler staatliches Engagement wichtig – auch wenn die Frage nach dem damit verbundenen Einfluss der fördernden Institutionen nicht vernachlässigt werden dürfe. Zur Begründung dieser These gab er einen Überblick der gängigen Finanzierungsmöglichkeiten und beschrieb deren Chancen, Schwierigkeiten und Grenzen.

4F: Founders, Family, Friends, Fools

Als ersten Ansatz kommentierte er die so genannte 4F – Finanzierung, bei der die Gelder von „Founders, Family, Friends, Fools“ kommen (sollen). Das heißt, die Gründer investieren ihr Erspartes oder andere Vermögenswerte in ihr Projekt und hoffen auf Unterstützung der drei anderen F. Für Buschow ist das keine tragfähige Lösung und überdies mit erheblichen Risiken verbunden: Mit wenig Geld starten, schnell Geld verdienen und das zu reinvestieren klappe in der Regel nicht.

Viele Gründerinnen und Gründer setzen ihre Hoffnung daher auf Crowdfunding. Darin sieht der Medienwissenschaftler durchaus zunehmendes Potenzial, allerdings in recht engen Grenzen. Nach seinen Erkenntnissen hat sich diese Methode für kleinere Finanzierungssummen bewährt, manchmal könnten so sogar „Leuchtturmprojekte“ auf den Weg gebracht werden. Für Beträge bis rund 5 000 Euro sei Crowdfunding eine realistische Lösung, darüber hinaus werde es allerdings schwer.

Crowdfunding, Stiftungsgelder oder staatliche Förderung?

Wenig Potential sieht Christopher Buschow für die Finanzierung über Bankkredite oder die für Tech-Startups so wichtigen Risikokapitalgeber. Banken seien bei der Kreditvergabe an neue und kleine Unternehmen ohne Eigenkapital sehr zurückhaltend. Man könne zwar Privatvermögen (Immobilien, Versicherungen) als Sicherheit einbringen, doch dann drohe beim Scheitern des Projekts schnell die Privatinsolvenz. Für Risikokapitalgeber hingegen seien Journalismus-Startups selten attraktiv: Die Erwartungen der Finanziers an Geschäfts- und Gewinnentwicklung könnten sie in der Regel nicht erfüllen.

Grundsätzlich möglich sei es, ein Konzept für digitalen Journalismus durch eine der weit über 20 000 deutsche Stiftungen fördern zu lassen. Allerdings engagieren sich laut Buschow bisher nur rund 80 Stiftungen in der Unterstützung neuer journalistischer Konzepte – und die beschränkten sich auf eher kleinere Investments in nicht gewinnorientierte, gemeinnützig ausgerichtete Medien.

Weitgehend versiegt ist offenbar der Geldfluss von US-amerikanischen Internetkonzernen wie Google oder Facebook. Der Digital News Innovation Fund (DNI Fund,  über den das Unternehmen europaweit über 400 Projekte – davon rund 90 in Deutschland – mit insgesamt €150 Millionen Euro gefördert hat, sei 2019 ausgelaufen; ein Gutteil der Summe sei überdies an bestehende konventionelle Verlagshäuser geflossen. Zwar würden beispielsweise von Facebook kleinere Investments getätigt, die kämen aber vor allem Programmen zur Ausbildung oder Ausbau der Medienkompetenz zu Gute.

Die existierenden Verlage hat auch das im Juli 2020 von der Bundesregierung beschlossene Programm zur „Förderung der digitalen Transformation des Verlagswesens zur Förderung des Absatzes und der Verbreitung von Abonnementzeitungen, -zeitschriften und Anzeigenblättern“ im Blick. Die Mittel in Höhe von insgesamt 220 Millionen Euro sollen Medienvielfalt und -verbreitung in Deutschland „erhalten“ – ob da etwas für den Ausbau der Vielfalt durch neue und innovative digitale Angebote herausspringt, ist nicht absehbar, denn einen Umsetzungsplan gibt es laut Buschow noch nicht.

Förderangebote der öffentlichen Hand in der Diskussion

Trotzdem – oder vielleicht auch deswegen – habe die Förderung durch die öffentliche Hand das größte Potenzial für die Förderung digitaler journalistischer Projekte. Das Programm der Regierung stehe auch dafür, dass die Diskussion über die Notwendigkeit staatlicher Unterstützung zunehme. So gäbe es mittlerweile erste föderale Förderprogramme und andere Ansätze, von denen auch digitale Journalismus-Startups profitieren könnten. Manche Initiativen richteten sich explizit an journalistische Projekte, andere allgemein an neue Geschäftsmodell oder Pionierlösungen, zu denen auch solch journalistische Projekte gezählt werden könnten. Einige Beispiele laufender Programme:

  • Das Land Brandenburg wird den Lokaljournalismus in den nächsten vier Jahren mit jährlich 1,5 Millionen Euro fördern
  • Durch eine Corona-Sonderförderung von 2 Millionen Euro erhalten an den Schulen Mecklenburg-Vorpommerns die Jahrgangsstufen 5 – 12 alle digitalen Lokalnachrichten kostenlos
  • Das Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW fördert Journalistinnen, Journalisten und Organisationen bei der Entwicklung und Umsetzung von innovativen Projekten in Online-, Video- und Audio-Medien
  • Auch das Media Lab Bayern hat das Ziel, Talente zu unterstützen und neue Projekte zu starten, ähnliche Ziele verfolgen vergleichbare Einrichtungen in Hamburg oder Berlin

Nicht direkt auf journalistische Innovationen ausgerichtet ist das EXIST-Gründerstipendium. Das sei, so Buschow, finanziell gut ausgestattet, werde aber noch wenig genutzt. Es wäre für innovativen Journalismus  durchaus eine Option, wenn die Gründer ihr Projekt akademisch anbinden könnten. Auch das Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen des Bundeswirtschaftsministeriums habe immerhin 8 Millionen Euro für nicht-technische Innovationen eingestellt. Perspektivisch hält Buschow auch die gerade gegründete Bundesagentur Sprunginnovationen für eine vielversprechende Quelle. Die sei mit einem Etat von 150 Millionen gestartet und solle letztlich mit 1 Milliarde ausgestattet werden.

Auf Dauer gesehen, das zeigte die abschließende Diskussion, erwarten die Medienwissenschaftler ein größeres Engagement der öffentlichen Hand. Es sei offenkundig, dass vor allem lokaler Journalismus, gerade wegen der Covid-19-Epidemie, immer schwerer zu finanzieren sei; auch sei es mit der Medienvielfalt, insbesondere im Osten Deutschlands, oft nicht weit her. Natürlich müsse man bei Förderungsanträgen Fragen wie „wer ist Journalist, was ist Journalismus“ diskutieren, weil es weder für die Tätigkeit noch für die Produkte eine verbindliche Definition gäbe.

Buschow hält hier eine „Peer-Group-Bewertung“ für überlegenswert, wie sie in der Wissenschaft praktiziert wird und für den Journalismus unter anderen von Journalismusprofessor Holger Wormer angeregt wurde. Andererseits, so sein Kollege und Mitgutachter Christian-Mathias Wellbruck, könne man statt Angeboten auch ja auch die Nachfrage fördern. Weil „Reichweite schaffen“ eben teuer sei, wäre es denkbar, Konsumenten durch „Gutscheine“ anzuregen, gute Inhalte zu nutzen, die ohne staatlichen Einfluss entstehen.

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