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Meta.link: Den Idealen des Journalismus ein Stück weit näher kommen

Michael Seidel macht aus seiner deprimierenden Erfahrung als Journalist ein Projekt, um Journalistinnen und Journalisten zu helfen, denen es ähnlich wie ihm ging. Mit seinem jungen Team wagt er sich an ein technologisch anspruchsvolles Thema: ein „soziales Recherchenetzwerk“. Wie aus einer zehnjährigen Idee jetzt ein erfolgreiches Startup werden soll, lest ihr in diesem Interview.

Teamfoto_Meta.Link

Hallo Michael, welche Rolle spielst du bei Meta.link und wie ist das Team zusammengesetzt? 

Hi Thomas! Wir verteilen unsere Zuständigkeiten in einem Holacracy-Modell, daher ist die Frage nach meiner Rolle gar nicht so klar zu beantworten. Ich bin vor allem der Ideengeber, treibe die Vision voran, entwickle mit, baue Beziehungen zu unseren Partnern auf, arbeite am Geschäftsmodell, designe Oberflächen. Klassisch betrachtet stehe ich an der Stelle des CEOs, habe aber an vielen anderen Stellen meine Finger im Spiel. In meiner beruflichen Laufbahn war ich vor allem im Journalismus, der Softwareentwicklung sowie dem Company Building aktiv.

Das Team besteht aktuell aus fünf Leuten. Joss ist unser Haupt-Entwickler, den ich vor knapp zwei Jahren bei einem Workshop zum Thema Natural Language Processing kennengelernt habe. Theresa ist sehr erfahren im Softwaregeschäft und managt unsere Entwicklungsarbeiten. Anja wird uns zukünftig bei den Verlagsbeziehungen und im Bereich Operations unterstützen. Luis kenne ich noch aus meiner Studienzeit aus Frankfurt. Mit 19 Jahren ist er das jüngste Team-Mitglied. Als ich ihn damals kennengelernt habe, hat er mich mit Fragen überrascht, die ich so von jemandem in seinem Alter nicht erwartet hätte. Heute sitzt er an der Schnittstelle zwischen Entwicklung und Business.

Auf eurem Team-Foto seht ihr aus wie eine Boy-Band. Aber wo sind die anderen beiden Personen? 

Wir wollten bewusst etwas frischer auftreten und neue Vibes in die Szene einbringen. Die anderen Teammitglieder waren zu dem frühen Zeitpunkt der Aufnahme des Teamfotos noch nicht dabei. Aktuell geht alles sehr schnell, was uns natürlich unglaublich freut. 

Wie ist die Idee zu Meta.link entstanden?

Die Grundidee hatte ich vor etwa zehn Jahren. Ursprünglich wollte ich in die IT. Aber mir war das ein bisschen zu trocken, ich wollte mehr raus zu den Menschen und coole Stories schreiben und bin dann Journalist geworden, mit dem Ziel, Print-Redakteur bei der Zeit zu werden. Ich war schon immer irgendwie Weltverbesserer – wollte Sachen aufdecken, Wirkung erzielen, Dinge verändern. Und ja, ich habe relativ schnell im Alltagsgeschäft gemerkt, das ich dazu gar keine Möglichkeit habe.

Wenn du in einer Acht-Stunden-Schicht sitzt und an drei Stücken in ganz unterschiedlichen Themenbereichen arbeitest, dann geht das nicht. Ich hatte nicht die nötigen Kapazitäten und das passte überhaupt nicht zu meinen hohen Ansprüchen. Mich hat das unfassbar belastet. Aus dieser Situation heraus habe ich mich dann mit der Frage beschäftigt, wie sich die Recherche-Situation für uns Journalisten verbessern lässt. Um den Idealen des Journalismus wieder ein Stück weit näher zu kommen. 

Was ist zehn Jahre später davon in Meta.link eingeflossen? 

Meta.link hilft Journalisten und Journalistinnen, die unter hohem Zeitdruck stehen. Wir entwickeln ein soziales Recherchenetzwerk, das sie dabei unterstützt, komplexe Themen und Sachverhalte schnell und sicher zu recherchieren. Die Vision ist, zu dem Anlaufpunkt zu werden, wenn du Menschen mit Expertise zu einem Thema suchst.

Die Expertinnen und Experten sind dann mit Quellen und Echtheitsprüfungen zertifiziert und per Klick in der gewünschten Form – Text, Audio oder Video – erreichbar. Aktuell machen wir das so, dass wir mit bekannten Institutionen wie der Helmholtz-Gesellschaft Deutscher Forschungszentren, dem Max-Planck-Institut oder der Fraunhofer Gesellschaft zusammenarbeiten.

Wie seid ihr an die Produktentwicklung herangegangen? 

Als wir uns beim Journalismus Lab beworben haben, war Meta.link auf dem Stand eines Forschungsprojekts. Ende 2019 war ich mit Meta.link bereits beim Research and Development Fellowship Programm des Media Lab Bayern. Ich war damals noch allein und hatte es danach in die Endauswahl eines weiteren Programms für Startup-Teams geschafft, was mich motiviert hat weiterzumachen.

Beim Fellowship des Journalismus Lab geht es jetzt um eine Prototypenförderung. Das heißt, wir sind noch relativ am Anfang, haben aber schon recht viel Forschung und Entwicklung reingesteckt. Beim Journalismus Lab haben wir die Möglichkeit, uns weiter zu entwickeln. Für uns heißt das, unsere nächsten Milestones zu erreichen.

Und welche Milestones habt ihr euch gesetzt?

Der erste Milestone war mit einem recht hohen Research-Anteil versehen. Wir mussten uns nochmal ganz genau klar werden, wer unsere Zielgruppen sind. Da wir ein zweiseitiges Geschäftsmodell haben, heißt das: Welche Journalisten und Journalistinnen wollen wir mit welchen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ansprechen? Welche Themen sind gerade relevant und werden befragt?

In Zukunft geht es vor allem um die weitere Entwicklung: Die Click-Dummies, die wir bereits in der Schublade haben, setzen wir jetzt Schritt für Schritt um und testen sie an den Zielgruppen.

Ein zweiseitiges Geschäftsmodell ist anspruchsvoll. Dazu kommen noch die nicht ganz so einfachen Zielgruppen aus dem Journalismus und der Wissenschaft. Wie wollt ihr die ansprechen? 

Die Hauptaufgabe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ist es ja erst mal zu forschen und nicht Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Wir haben aber durch unser großes Netzwerk sehr gut verstanden, wie die Szene tickt und unser Potenzial ausgemacht.

Journalisten wollen natürlich sehen, wie gut unser Ansatz im Vergleich zu bestehenden Prozessen funktioniert sich auf die Informationen verlassen können.

Alles in allem sind die Zielgruppen zwar anspruchsvoll – und das ist auch richtig so – aber gerade das macht unser Projekt erst so richtig spannend. 

Gibt es solche Plattformen nicht schon und wie wollt ihr euch von der Konkurrenz abheben? 

Datenbanken mit Expertinnen und Experten gibt es natürlich schon. Es gibt wissenschaftliche Informationsdienste wie das Science Media Center oder den Informationsdienst Wissenschaft in Deutschland. Die sind da und die machen ihren Job. Das sind allerdings meist gemeinnützige GmbHs und ich glaube, wir als agiles Lean Startup bringen den entscheidenden Vorteil mit, um die Recherche und die Kollaboration wirklich voran zu treiben und zu innovieren. In unserer Recherche sagten uns Anwenderinnen und Anwender, dass die aktuellen Lösungen nicht zufriedenstellend seien. Da gibt es also einiges zu tun.

Wann wollt ihr die Plattform starten? 

Anfang März 2021 wollen wir voraussichtlich in eine geschlossene Testphase gehen, also zum Ende des Fellowships. Wichtig ist dann auch, dass wir eine Anschlussfinanzierung haben. Aktuell gibt es zwar Optionen, aber es ist noch nicht sicher, wo wir uns durchsetzen werden. 

Was ist aktuell euer größter Bedarf?

Personal. Die Herausforderung ist auf dem unfassbar stark nachgefragten IT-Markt, auf dem die Leute schon während des Studiums abgeworben werden, geeignete Kandidaten zu finden. Als Startup bist du immer ein riskanter Arbeitgeber und das macht die aktuelle Pandemie nicht unbedingt besser, wobei die Netzwerkeffekte online interessant zu beobachten sind. Zum Glück habe ich bereits ein sehr starkes Kernteam. Aber mittelfristig können wir schon noch zwei Entwickler gebrauchen, um unserer Vision näher zu kommen. 

Lieber Michael, vielen Dank für das Interview und weiterhin gutes Durchhalten!

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