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„Wir glauben, dass der Audiochat eine bessere Diskussionskultur ermöglicht“

Vier Partner entwickeln bei Radio Bielefeld eine Plattform für Live-Debatten von Hörerinnen und Hörern  Ein Interview mit Timo Fratz, Chefredakteur von Radio Bielefeld

Timo, Du bist Chefredakteur von Radio Bielefeld. Gemeinsam mit mehreren Partnern entwickelt ihr den Audiochat „#mitreden – have a nice say“. Was ist der Gedanke dahinter?

Wir möchten die Kommunikation mit unseren Hörerinnen und Hörern verstärken. Und zwar so, dass wir direkt – live und on Air – in die Diskussion mit ihnen eintreten können. Mittlerweile gibt es einige Audiochat-Programme wie Clubhouse oder auch das Twitter-Format Spaces. Ähnlich funktioniert auch #mitreden – allerdings angebunden an ein Radioprogramm und nur zu bestimmten, von uns festgelegten Themen und Zeiten.

 Wann und wie ist die Idee entstanden?

Das war letzten Sommer. Während der Coronazeit hat der Kontakt zu den Hörerinnen und Hörern abgenommen, weil uns das direkte Feedback aus den Umfragen fehlte. Wir konnten nicht mehr einfach auf die Straße gehen und den Leuten das Mikro unter die Nase halten. Also haben wir angefangen, nach einer digitalen Lösung zu suchen. Aber es gab nichts, das zu unseren Vorstellungen passte. Daher haben wir uns entschlossen, selbst eine Audio-Kommunikationsplattform zu entwickeln.

 Wie weit ist die Arbeit daran inzwischen fortgeschritten?

In den nächsten Tagen soll der Prototyp fertig sein, so dass wir die Funktionsweisen schon mal testen können. Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für eine ausgedehnte Befragung von Nutzerinnen und Nutzern.

 Läuft der Chat dann mittels einer App – oder wie handhaben Sie das?

Tatsächlich war es am Anfang unser Plan, eine App zu bauen. Jetzt werden wir den Audiochat allerdings als Weblösung anbieten. Zum einen aus Kostengründen, zum anderen haben wir beim Entwickeln gemerkt, dass es sehr sinnvoll ist, eine Web-Anbindung zu schaffen, die wir in unsere bestehenden Radio-Angebote einbinden können. Sonst hätten wir am Ende zwei Radio-Bielefeld-Apps – das würde die Höreinnen und Hörer eher irritieren.

 Wer ist alles an dem Projekt beteiligt?

Wir sind insgesamt vier Partner. Das ist federführend die ams, also die Servicegesellschaft der sieben Lokalradios in Ostwestfalen-Lippe und Warendorf. Hinzu kommen wir als Veranstaltergemeinschaft Radio Bielefeld, das MS Medienbüro in Köln, das sehr viel Marktforschung rund um das Projekt betreibt, und die FM Online Factory.

 Welche Schwierigkeiten hattet ihr und eure Partner bei der Entwicklung des Chats zu überwinden?

Das waren sind vor allem technische Schwierigkeiten. Bei einem Audiochat verursacht schon eine geringe Zahl an Usern enorm viele Zugriffe. Das muss der Server aushalten können, ohne gleich in die Knie zu gehen. Da waren schon verschiedene Versuche nötig, bis das geklappt hat. Zudem ist die Programmierung einer solchen Plattform sehr aufwendig, vor allem wenn sie auch DSGVO-konform funktionieren soll.

 Wie geht es weiter, wenn der Prototyp da ist?

Dann beschäftigen wir uns erst mal in der Redaktion damit. Wie funktioniert das Programm? Wie können wir es hier im Studio einbinden? Wie müssen wir uns aufstellen, um regelmäßig mit der Community zu sprechen? Wenn Corona uns keinen Strich durch die Rechnung macht, steigen wir bald in die Marktforschung ein und veranstalten erste kleine Diskussionen – noch nicht on Air, sondern um Erfahrungen zu sammeln und die Möglichkeiten auszutesten. Auch eine Studierendengruppe von der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld wird das Tool ausprobieren und uns dann Feedback geben, was wir noch verbessern oder ergänzen könnten.

 Für welche Art von Themen wollen Sie den Audiochat einsetzen?

Da sehen wir eigentlich jeden Tag neue Beispiele. Als kürzlich der Astra-Zeneca-Impfstoff gestoppt wurde, hätte man den Chat sehr gut nutzen können. In dem Moment gab es unglaublich viele Reaktionen von Hörerinnen und Hörern: Informationsbedürfnisse, Sorgen, Ängste. Natürlich haben wir redaktionell darauf reagiert und nach und nach Antworten eingeholt, etwa vom medizinischen Leiter des Impfzentrums. Mit unserem neuen Tool hätten wir den Hörerinnen und Hörern gesagt: Um 17 Uhr könnt ihr euch im #mitreden-Chat einwählen und das Thema untereinander diskutieren. Dann hätten zum Beispiel Bielefelderinnen und Bielefelder, die morgens noch geimpft worden waren sind, nachmittags dem medizinischen Leiter direkt ihre Fragen stellen können oder anderen Hörerinnen und Hörern ihre Erfahrungen schildern können.

Wie oft möchten Sie den Audiochat künftig einsetzen?

Wir wollen erst mal langsam anfangen, also nicht gleich jeden Tag. Das würde uns auch redaktionell-personell überfordern, da wir wohl mindestens zwei Moderatorinnen oder Moderatoren einsetzen müssen, um die Diskussion zu lenken und den Chat zu betreuen. Momentan gehe ich davon aus, dass wir das Format einmal die Woche einsetzen, mit ausreichend Vorlauf. Und dann hoffen wir natürlich, dass möglichst viele Leute sich angesprochen fühlen und mit uns diskutieren.

 Welche Bedeutung könnte eine solche Diskussionsplattform haben – für das Radio und für den gesellschaftlichen Diskurs?

Wir glauben, dass der Audiochat eine bessere Diskussionskultur ermöglicht, als wir sie beispielsweise aus den Kommentarspalten bei Facebook kennen. Wir können die Debatte leichter steuern und es gibt klare Regeln. Wer sich beleidigend äußert, wird ganz schnell wieder aus der Diskussion entfernt. Außerdem treten alle Beteiligten mit ihren Namen und Stimmen auf. Und sie erhalten direkte Reaktionen von anderen. Basierend auf dieser Diskussionskultur sehen wir unseren Audiochat auch als ein Instrument, die immer weiter auseinander strebende Gesellschaft wieder stärker zu einen. Diese beiden Punkte machen das Tool für uns so spannend.

„#mitreden“ konnte das Journalismus Lab im Rahmen des Programms Audio Innovation unterstützen. 

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